Christo

Christo kam zur Berlinale 2017, in Begleitung seines Fotografenfreundes Wolfgang Volz. Nach einem inspirierenden Auftritt im HAU, dem Hebbel am Ufer, besuchten die beiden samt Entourage den TASCHEN-Store in der Schlüterstraße. Vor der Tür bildete sich eine längere Schlange, und das Café Einstein auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde überrannt. Christo begann direkt nach seiner Ankuft ohne Unterlass zu signieren. Er hat eine Federtasche bei sich, mit Stiften verschiedener Stärke und Farbe, und variert damit seine Unterschriften passend zum vorgelegten Buch. Sei es der «Wrapped Reichstag» von 1995, die opulente Limited Edition Ausgabe von «Christo and Jeanne-Claude» oder das aktuelle «The Floating Piers» zur Installation am Iseo-See, wo im Juni 2016 100 Kilometer östlich von Mailand und 200 Kilometer westlich von Venedig Zehntausende auf dem Wasser wandelten.

In einer kurzen Pause überreichte ich Christo einen Marzipan-Aal im Holzschuber, von den Niederegger-Damen wie immer liebevoll eingepackt. Als ich ihm sage, das verpackte Päckchen sei aus Lübeck horcht er auf, denn die Lübecker Firma «Geo - die Luftwerker» hat die 18.000 Meter Stoff zum Verhüllen der schwimmenden Stege für ihn genäht… die zweite Zusammenarbeit der Lübecker mit Christo, nach dem Oberhausener «Big Air Package».

Mein Bild der Woche

The Kiss

Stellen Sie sich vor Sie laufen den Kurfürstendamm hinunter, im Kopf den Soundtrack von La La Land. Die Bürgersteige hier in Charlottenburg sind wie es sich für einen Boulevard gehört recht breit und werden von beleuchteten Vitrinen geteilt. Und dann taucht dieser Mann auf und beginnt die jungen Damen auf den Vitrinen zu küssen, eine nach der anderen. Er streicht ihnen erst zärtlich mit mit dunkelblau lackierten Fingernnägeln über das Gesicht, und drückt ihnen einen dicken, ernstgemeinten Kuss auf. Und weiter zur nächsten Vitrine. Auf den Grund seines Tuns angesprochen meinte er, es gäbe Ärger mit der Freundin.

So etwas sind absolute Glücksmomente der Street Photography.

Mehr davon finden Sie unter bei Instagram…

Kalifornication

An der Promenade von Venice Beach, wo sich einst die Doors gründeten um Musikgeschichte zu schreiben, parken Porsches und Teslas neben den Matratzen und Pappkartonlagern obdachloser Kalifornier, doch alle teilt der Amerikanische Traum. Donald Trump schwadroniert davon, Amerika wieder Groß zu machen, an der Westküste ist diese Größe wegen der Nähe zu Hollywood und den Großverdienern des Silicon-Valley noch nicht ganz verblasst. Jay aus Baltimore hat ein Geschäft für Pappschilder gegründet. Aus einem Samsung-Fernseherkarton heraus verkaufen er und seine Mitarbeiter für fünf Dollar Wachsmalstift-Botschaften an die vorbeiziehenden Touristen. Etwas weiter den Strand entlang wartet ein junger Mexikaner im Spiderman-Kostüm auf Kinder die sich mit ihm fotografieren lassen wollen, nicht weit von Heinrich Manns Exilwohnung. Am Hollywood-Boulevard hat ein junger Mann sein Lager am Stern Clodette Colberts aufgeschlagen, er sammelt Geld in einer Pringles-Dose. Erst beim zweiten Hinsehen fällt auf daß ihm beide Hände fehlen. Der Amerikanische Traum, in Kalifornien lebt er weiter, auch wenn der Alptraum manchmal durch die dünne Glitzerdecke scheint.

«Of course it’s all luck.» – Henri Cartier-Bresson

Glück gehört tatsächlich dazu… Das Herz fühlt, die Seele versteht, der Finger drückt den Auslöser in dem Moment wo Komposition, Licht und perfekter Ausdruck im Gesicht des zu fotografierenden zusammenkommen und man hat die Aufnahme im Kasten. Ich nähere mich Portraits immer mit absoluter Neugier und dem Respekt vor der anderen Person. Einmal saß ich mit Philip Seymour Hoffman in «Hamlet» und habe dem Drang widerstanden zu fragen «Wie wäre es mit einem Foto?» Es gehört Fingerspitzengefühl dazu. Die Theaterverlegerin und Grass-Freundin Maria Sommer schrieb mir kürzlich: «Vielen, vielen Dank, lieber Herr Wulff - und Sie sind wirklich ein wunderbarer Fotograf und Menschenkenner. Und es hat gar nicht weh getan!» Mehr zu meiner Herangehensweise erfahren Sie bei Spiegel-Online:

Jedes Porträt ist manipuliert

© Julia Wittmer 2015